>> Kulturpreis 2006 an Kresslesmühle
>> Pressemitteilung der Stadt Augsburg
>> Festrede und Laudatio von Dr. Dorothea Kolland
>> Oberbürgermeister Dr. Paul Wengert
>> Danksagung von Hansi Ruile, Geschäftsführer
>> Bilder von der Preisverleihung
>> Urkunde


Botschafter in Neue Welten

Laudatio anläßlich der Verleihung des Kulturpreises der Kulturpolitischen Gesellschaft an die Kresslesmühle in Augsburg

Verleihung des Kulturpreises der Kulturpolitischen Gesellschaft an die Kresslesmühle im Rahmen des Künstleraschermittwochs
21. Februar 2007

Dr. Dorothea Kolland
Als ich mir vor einigen Monaten erstmals die neue Ständige Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin ansah – quasi die oberste deutsche Instanz in Sachen Geschichtsbild –, fiel mir eine kleine Landkarte ins Auge. Sie zeigte aus der Perspektive des 16. Jahrhunderts die Fernstraßen dessen, was später einmal Deutschland werden solltet: Wie zu einer Spinne, die mitten in ihrem Netz sitzt, liefen die meisten Straßen auf Augsburg zu; dort bündelten sie sich. Dieses Bild vor Augen, das die überragende Rolle Augsburgs für internationale Kommunikation in Deutschland – und Europa, natürlich, in diesem wunderbaren weltberühmten Saal macht es für mich zu einer großen Ehre, einige Worte des Nachdenkens über Sinn und Zweck kultureller Vielfalt als Agens von Kulturarbeit und Kulturpolitik im kommunalen Kontext zu formulieren.
Möglicherweise trage ich damit Eulen nach Athen, denn immerhin begegnete ich bewusst in Augsburg schon als Kind erstmals gelebter „cultural diversity“ mit den beiden aneinandergewachsenen Kirchen von St.Ulrich, der katholischen und der kleinen evangelischen, und dies Bild hat mich tief beeindruckt.. Ich weiß nichts über die Realität des Conviviums beider Kirchengemeinden heute, aber sie haben ja immerhin durchgehalten bis heute und symbolisieren den Augsburger Religionsfrieden, den Sie ja jährlich feiern – wahrhaft ein wichtiges Fest für die deutsche Geschichte!
Über die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit des Zusammentreffens vieler Kulturen und das Gestalten dieses Zusammentreffens, so dass es fruchtbar sein möge für die Zukunft, und über die Verantwortung der Kultur dabei will ich hier sprechen – mit einem kleinen Knicks in Richtung Kresslesmühle, denn die Kollegen dort haben sich bereits auf diesen Weg begeben, und viele andere in Augsburg und auch in Berlin.

1. Kultur als Kontakthof
Eine der entscheidenden Aufgaben für die Zukunft unserer „alten“ europäischen Gesellschaft und insbesondere Deutschlands in Zeiten weltweiter Globalisierung und Migration wird die Akzeptanz und Gestaltung einer gesellschaftlichen Realität sein, in der Multiethnizität eine Selbstverständlichkeit sein wird, ohne dass aus Angst vor Verlust der Leitkultur Exklusion praktiziert und Zwangsanpassung gefordert wird. Dahin ist noch ein weiter, aber notwendiger Weg, notwendig. Er ist notwendig, weil wir noch weit weg von diesem selbstverständlichen Zusammenleben sind, und weil weder die Zukunft unserer Wirtschaft noch die unserer Städte ohne Menschen aus aller Herren Länder denkbar ist. Dass sich das Ideal einer multikulturellen Gesellschaft nicht schnell und problemlos entwickelt, haben wir in den letzten Jahrzehnten erlebt; wir haben jedoch auch gelernt, das Ideal eines alles aufsaugenden und damit nivellierenden melting pot in Frage zu stellen. Die Akzeptanz der cultural diversity, die Achtung der Differenz ist als Notwendigkeit bewusst geworden. Doch gerade deshalb ist die Aufmerksamkeit auch stärker auf die Reibungsflächen der Diversitäten mit- und untereinander gelenkt worden – sowohl von denen, die die Realität der Einwanderungsgesellschaft Deutschland nicht akzeptieren wollen wie von denen, die keine zerstörerischen Flammen entstehen lassen wollen, sondern neue Energien aus dem Kontakt der Unterschiede ziehen wollen. Mein heimatlicher Fokus Neukölln mit seiner als Symbol herhaltenden Rütli-Schule liefert für beides abendfüllendes Material, das ich hier aber nicht ausbreiten will.
Die Ebene der Kultur bietet ein hervorragendes – weil nicht sofort existenzbedrohend und freiwillig – Übungsterrain für Gesellschaft, indem sie sich als transkultureller „Kontakthof“, als „contact zone“ anbietet. Ich greife damit ein Arbeitsergebnis der Rockefeller Foundation auf, insbesondere des in New York forschenden Mexikaners Tomas Ybarra-Fraustro auf, erzielt in der cultural diversity der amerikanischen Metropole. Er weist nachdrücklich darauf hin, dass bei aller amerikanischen „Melting Pot“-Seligkeit die Communities aus aller Welt, die sich in New York angesiedelt haben, ein in weiten Teilen von der Restgesellschaft autonomes Leben leben. Angst vor Parallelgesellschaften, die hierzulande grassiert, weist er zurück; er hält sie für eine „normale“ Phase des Weges zu einer multiethnischen, von Migranten geprägetn Migrationsgesellschaft. Der Film „Gangs of New York“ bot einen eindrucksvollen Einblick in diese harte Phase.
Kultur bietet eine Bühne, auf der sich Menschen unterschiedlicher Kulturen präsentieren, anbieten, begegnen, um Partner werben können, sich kurzfristig zusammentun, sich aber auch wieder trennen können und nicht eine pseudoglückliche Multikultigesellschaft darstellen müssen – sich jedoch auch langfristig zusammentun können, dies allerdings möglicherweise verbunden mit Anstrengungen, Schmerzen und temporären Verlusten. Bereits heute zeichnet sich ab, dass auf dieser Bühne nicht nur avantgardistische, experimentelle hybride Kunst und Kultur entwickelt wird, sondern dass auch „hybrid identities“ – Künstler, Kunstvermittler - spezifische Entwicklungsmöglichkeiten finden, als notwendige Träger eines friedlichen Globalisierungsprozess. Im Gespräch befragt nach Heimat und Identität berichten gerade durch Migration und Erfahrung mit Diversität geprägte Künstler nicht oder nur mariginal von Defiziten und Verlusten (was bei durch Flucht oder Vertreibung ausgelöster Migration nicht verwundern würde), sondern vor allem vom Gewinn an Kompetenz und Kreativität durch das Erleben von und Leben in unterschiedlichen Kulturen.
Kunst und Kultur können in ihrer Möglichkeit, eine Begegnungsplattform für Diversität, Vielschichtigkeit, Neugier, Eigensinnigkeit und Tradition zu sein, ein wichtiger Motor für die Zukunft Europas und einer globalisierten Welt sein, die ihre vielen Besonderheiten im Sinne nachhaltiger Entwicklung ihre Diversität, ihre Differenzen und Unterschiedlichkeiten nicht aufgibt. Der Wandel europäischer Metropolen wird am deutlichsten in einer neuen urbanen Kultur, die sowohl eine Begegnung vieler Kulturen wie auch von Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft ermöglicht – Voraussetzung für Modernität und Zukunft. Und die Brennpunkte dieser neuen urbanen Kultur sind meist in den sozialen Brennpunkten dieser Metropolen zu finden, denn Avantgarde und Suche nach neuen Ufern paart sich selten mit Wohlstand oder gar Reichtum.

2. Kultur als Chance eines Paradigmenwechsels:
von der Last zur Lust
Die Möglichkeit, Weltkultur und Weltkulturen zu entdecken und wahrzunehmen, wird als großer Gewinn von Globalisierung geschätzt. Die weltweit agierenden Institutionen und Konzerne setzen den flexiblen, offenen Weltbürger voraus. Wir alle, die wir hier sitzen, profitieren mehr oder weniger lustvoll von den Attraktionen und Schätzen der Weltkultur auf der ganzen Welt. Reisen in die weite Welt, japanische Mangas, kubanische Musik, orientalische Falaffel etc. sind Teil unserer Kultur geworden. Übrigens – ich plädiere keineswegs für eine Vernachlässigung unserer eigenen Kulturtraditionen, Sie sehen mich als Vorkämpferin der Verleihung des Weltkulturerbe-Stempels auf das deutsche Drei-Sparten-Stadttheater als weltweit einmalige Kulturinstitution, ich schätze die Bedeutung von Regional- und Heimatmuseen, solange sie nicht nur Sammeltassen und Klassenfotos präsentieren, für sehr hoch ein. Aber ich liebe, ähnlich wie Sie, eben auch chinesische Musik und mexikanische Wandgemälde, japanische Kimono-Muster und vietnamesische Wasser-Marionetten. Eben die Kulturen dieser Welt.
Anders aber ist die Situation in alltäglichen Lebenswelten. In einem Mietshaus mit Menschen überwiegend südöstlicher Herkunft z.B. werden die Andersartigkeit der Wohngewohnheiten und andere Definitionen von Öffentlichem und Privatem zum Problem, in einer Grundschulklasse mit 90% Kindern nicht-deutscher Herkunft und entsprechender Sprach(un)fähigkeit wird die Vermittlung von Sprach- und Wissenskompetenz kaum mehr gelingen. Die „lokale Globalisierung“ wird als gesellschaftliche Last und „Ausländerproblem“ gewertet, oft – dies kann ich aus der Neuköllner Perspektive sagen – mit Recht, weil insbesondere im Bildungsbereich die Instrumente zwar theoretisch bereitstehen, aber nicht ergriffen werden können (und manchmal nicht ergriffen werden wollen).
So entsteht die absurde Situation, dass die Differenzen zwischen den Kulturen, die cultural diversity, die Vielfalt der Weltkünste zwar mit Spannung und Neugier genossen werden, die kulturellen Differenzen in der Nachbarschaft aber erlitten werden, so daß man ausreißt vor der Nähe dieser Vielfalt.
Hier könnte durch systematisches und bewusstes Arbeiten mit dem Reichtum der Weltkulturen und einem Training im Umgang mit Differenzen ein Paradigmenwechsel initiiert werden. Für manchen hieße dies Abschied nehmen von der schönen Illusion der völkerverbindenden „Weltmusik“, die – von Musikkultur zu Musikkultur changierend und Unterschiede verwischend – so manchen Kulturgenuss weltoffener Gutmenschen ausmacht. Das Akzeptieren und Analysieren der Differenz, das Begreifen ihrer Verankerung in unterschiedlichen Werte- und Kultursystemen, das Erkennen ihrer Auswirkungen auf das konkrete Miteinander-Leben, und die durch Vertrautwerden wachsende Bereitschaft zum Verstehen und Genießen des Anderen kann aus der Last Lust werden lassen und zu einem gesellschaftlichen Zukunftskern werden. Entgegen der oft suggerierten Angst vor der Zerstörung oder „Zersetzung“ hiesiger „Leitkultur“ wird die Pluralität kultureller Impulse die „einheimische“ Kultur nicht aus ihren über Hunderte von Jahren angelegten Spuren werfen. Es werden aber neue ästhetische, normative und ethische Vorstellungen hinzukommen, die aufgenommen, reflektiert, be- und verarbeitet werden wollen und in Korrespondenz stehen zu einer „identité bricollage“.

3. Neue Heimat Kultur
Traditionelles Heimatverständnis, so wie es früher in manchen verstaubten Heimatmuseen oder von Heimatvertriebenenverbänden gepflegt wurde, das auf eine Region, auf einen Ort, auf eine Straße fixiert war, trägt in einer modernen Migrationsgesellschaft nicht weit. Das Bedürfnis nach Identität, Verortung, Verwurzelung, Vertrautheit ist damit jedoch nicht ad acta gelegt, die traditionelle Rolle des – oft nicht oder nicht mehr erreichbaren - Vaterhauses und des vertrauten Kiezes samt seiner Gerüche übernimmt zunehmend die Muttersprache, die eigene Musik, Literatur, Schrift, Essen etc.. Dies tut man gerne in der eigenen Community. Das Bedürfnis nach Identitätssuche und Absicherung ist nicht begrenzt auf eine bestimmte soziale Schicht; auch bei weitgehend integrierten, oft durch neue familiäre Bindungen hier beheimateten Menschen gibt es immer wieder den Wunsch und das Bedürfnis nach Vertrautheit in der Heimatkultur, nach vertrauten Riten, oft auch den Wunsch, die eigene Heimatkultur, Sprache und Religion an die eigenen Kinder weiterzugeben. In der ethnischen Community, im „Heimat“-Verein ist der einzige Ort, wo öffentlich die Muttersprache gesprochen werden kann. Und schließlich – das darf nicht verschwiegen werden – ist hier auch der Rückzugsort, wo man sich gegen von Xenophobie verursachten Verletzungen im fremden Land wappnen kann.
Diese enorm wichtige Funktion, die hilft, in der Migration Fixpunkte zu finden und zumindest Haftwurzeln zu schlagen, übernehmen häufig die ethnisch orientierten Kulturvereine. Hier werden Feste gefeiert, von denen die Nachbarn oder Kollegen im Betrieb keine Ahnung haben, hier werden Formen der Gastlichkeit gepflegt, die im Gastland möglicherweise spöttisches Lächeln hervorrufen würden. Dieses Bemühen um neue Heimat in der Fremde zu unterstützen ist im Sinne einer multiethnischen Zukunft notwendig und sinnvoll, auch wenn es nicht immer ganz einfach ist, denn ist gilt auch zu akzeptieren, dass die Community sich abgrenzt und Gäste aus dem Gastland nicht zulässt.
Für beide Seiten ist dieses Postulat eine Gratwanderung und setzt einerseits Vertrauen insbesondere der Mehrheitsgesellschaft voraus, andererseits die grundsätzliche Bereitschaft der Migranten, sich in die Einwanderungsgesellschaft hinein zu öffnen und nicht hermetische Parallelgesellschaften aufzubauen. Zur Stolperfalle wird die Gratwanderung bei komplizierten Problemen wie dem Bau großer neuer Moscheen, womöglich gar an repräsentativen Orten. Misstrauen gegen finanzintensive Vorhaben aus dem islamisch/arabischen Raum, die vorschnell gleichgesetzt werden mit Vorposten gewaltbereiter islamistischer Terroristen, stoßen auf wachsendes Selbstbewusstsein relevanter Migrantengruppen und die Einforderung des Rechtes auf öffentliche Präsenz ihrer Religion.
Deutlich erkennbar ist wachsendes Bedürfnis und Erkenntnis, die neue Heimat im Einwanderungsland zu suchen bzw. schon gefunden zu haben. Als Traum kommt in vielen Gesprächen die einstige ferne Heimat als Sehnen nach Farben, Gerüchen, Wärme, nahen Menschen hoch. Zur Katastrophe kommt es, wenn keine Erinnerung an Wurzeln oder nur an deren Verlust und keine Hoffnung auf neue Beheimatung zusammentrifft, wie wir dies insbesondere bei palästinensischen Jugendlichen erleben.
Der Weg in die Migrationsgesellschaft wird eine notwendige Bewusstseinsveränderung im Einwanderungsland Deutschland erfordern: Es wird die Heimat von Menschen aus vielen Kulturen sein, die diese Kulturen nicht aufgeben werden. Deutschland wird sich verändern.
Ein schwieriger Punkt ist die Frage der Sprache. Es steht außer Frage, dass der Erwerb der deutschen Sprache für all die, die ihre Heimat zumindest vorübergehend in Deutschland sehen, unumgänglich ist. Damit aber kann das Recht der Migranten, ihre eigene Sprache nicht aufzugeben sondern weiter zu pflegen, nicht beschnitten werden – so steht es wenigstens in der soeben von der Bundesrepublik ratifizierten UNESCO-Erklärung zu kultureller Vielfalt. So gut wie alle deutschen Bildungseinrichtungen – von Kindergarten bis Stadtbibliothek – tun sich damit außerordentlich schwer und sind z.B. nicht in der Lage, Mehrsprachigkeit bei Kindern als enorme Chance zu begreifen, zumindest solange es die „schlechten“ Erstsprachen betrifft.

4. Kunst und Kultur als Instrument gesellschaftlicher Teilhabe
„Es ist der richtige Moment, darüber zu sprechen, was Kunst für die Gesellschaft leisten kann, und weniger über das, was die Gesellschaft für Kunst zu leisten hat“ – diese für Kunst und Kultur provozierend und anmaßend klingende Anforderung des Engländers François Materasso steht quasi als Motto über dem neuen Konzept von „Corporate Cultural Resonsibility“.
In Konsequenz dieser Anforderungen wird zugleich ein kulturpolitischer Paradigmenwechsel gefordert, der nicht nur die Rolle und Funktion des Staates als Gewährleister von Kunst und Kultur betrifft, sondern auch die derjenigen, die sich als Auftraggeber und Gestalter der öffentlichen Kunst- und Kulturlandschaft verantwortlich fühlen. Auch die Bilanz sowohl der gesellschaftlichen wie der individuellen Nützlichkeit von Kunst und Kultur ist zu ziehen. Beides erscheint in Zeiten knapper werdender Ressourcen nur konsequent, wenn auch Kosten/Nutzen-Relationen im üblichen haushalterischen Sinne im kulturellen wie im sozialen Arbeitsfeld nicht greifen. Manche hoffen auf eine klare Bilanzabrechung – so wie mein Finanzsenator Sarrazin, auf dessen Schaubildern immer alles so einfach ist: soundso viel Bibliothekarsstellen für soundsoviel Medien, kann man eine Normzahl bestimmen und alles, was drüber liegt, ist abzubauen: Es vergisst dabei eine Kleinigkeit, nämlich den Nutzer, der Bedürfnisse, Fragen, Hemmungen, Lüste hat, die zwischen dem Bibliothekar und den Medien liegen und die die schönsten Kennzahlen arg verschandeln.
Kennzahlendenken, Kosten/Nutzen-Relationsüberprüfungen, Wirkungsfaktoren: Theoretisch ist dies alles richtig und es wäre gut für uns, wenn wir Genaueres über die Wirkung unserer Arbeit wüßten. Aber uns fehlen noch wirklich handhabbare Werkzeuge, die Wirkungen richtig abbilden. Viele Wirkungen unserer Arbeit sind nur sehr, sehr langfristig messbar, und mit den angebotenen Messinstrumenten gar nicht. Berühmte Frage an die politische Bildung: „Hat die Veranstaltung dazu beigetragen, den Jugendlichen von rechtslastigen Taten abzuhalten?“ Antwort kann nur sein: „Ja, während der Veranstaltung schon.“
Wurde in anderen Zeiten der gesellschaftliche Nutzen von Kunst und Kultur an seiner Repräsentationsqualität, an seiner Machtausschmückungs- und –unterstützungsfähigkeit gemessen, für Verherrlichung oder Domestizierung genutzt (Musik etwa diente zum Zelebrieren, Tanzen, Beten und Marschieren, das Werk von Elias Holl können wir hier und jetzt selbst bewerten), so gestehen wir heute, seit der Akzeptanz eines Autonomieanspruchs der Kunst, dem Künstler und seinem Werk selbstverständlich Freiheit von Auftrag und Zweck zu. Dies enthebt jedoch die Kunst nicht der Antwort auf die Frage nach ihrer gesellschaftlichen Funktion. Die Protagonisten von Kunst und Kultur, insbesondere diejenigen, die an der Schnittstelle von Kunst einerseits und Geld/Politik andererseits arbeiten, müssen in der Lage sein, zu formulieren, was Kunst, was Kultur für die Gesellschaft zu leisten imstande ist. Jack Lang in Frankreich wagte einst, Fragen nach der Relation von Aufwand und Nutzen zu stellen und damit einen neuen Diskurs zwischen Kunst- und Politik zu initiieren. In Großbritannien wird im Zusammenhang mit dem Regierungsprogramm der „Social inclusion“ die Kunst und Kultur sehr hartnäckig auf ihre Möglichkeiten der Persönlichkeitsentwicklung von am Rand stehenden oder ausgegrenzten Menschen und ihre Fähigkeiten, diese Grenzen zu durchbrechen, befragt und in die Mitverantwortung geholt. Der Faktor Kultur als Motor für Stadtermutigung wird in vielen Städten Europas sozial und ökonomisch genutzt, die Aktivierung kreativer Kräfte als Mobilisierung „lokalen sozialen Kapitals“ gewertet. Die Konferenz von Lissabon 2000 hat die Erreichung sozialer Teilhabe möglichst aller Bürger Europas zum obersten Ziel erklärt und die Kultur ausdrücklich aufgefordert, dabei mitzuwirken. Sehr zögerlich kommt dies auch in Deutschland an: Es sollte als ein Kriterium für Kulturförderung auch in Deutschland gelten, sei sie staatlicher oder privatwirtschaftlicher oder bürgerschaftlicher Art. Konzepte sind zu entwickeln, die der Frage nach gesamtgesellschaftlichem Nutzen nicht ausweichen. Die ökonomische Neupositionierung unseres Landes zwingt zu einer stärkeren Fokussierung, ohne dabei jedoch die grundsätzliche Pflicht des Staates in Frage zu stellen, die Rahmenbedingungen für Kunst und Kultur zu garantieren. Viele, viele Beweise können angetreten werden, dass Kunst und Kultur kreative, soziale, kognitive wie emotionale Kräfte freisetzen können – insbesondere bei Menschen, die an den Grenzen leben, insbesondere bei Kindern, denen „normale“ Bildungskarrieren aus sozialen, ethnischen oder gesundheitlichen Gründen versperrt sind, denen über Wege der Kultur Teilhabe ermöglicht werden kann.
„Corporate Cultural Responsibility“, Pflege der sozialen und kulturellen Umwelt sollte in Zukunft verstärkt bedeuten, sich insbesondere für diejenigen verantwortlich zu fühlen, die am Rande stehen – ohne die aber die friedliche und prosperierende Weiterentwicklung der Gesellschaft undenkbar ist, weil dieses brachliegende menschliche Kapital nötig ist, und wenn wir nicht große Mauern um ganze Menschengruppen, Stadtquartiere und Regionen ziehen wollen, um Elend unsichtbar zu machen. Staatlicherseits ist in Deutschland bislang wenig in Gang gesetzt worden, um die Grenzen wenigstens nicht noch stärker zu befestigen. Mit Hartz IV ist die Mauer eher undurchdringlicher geworden.
Unbedingt positive Signale sind die beiden Regierungsprogramme „Soziale Stadt“ und – in der letzten Legislaturperiode - das neue Ganztagsschulprogramm. In beiden spielen Kultur und Kunst eine wichtige Rolle bzw. sie werden diese spielen, wenn Schule sich ernsthaft verändern will.
Kunst und Kultur haben ein enormes Potential an Inklusionskräften und Empowerment. Diese freizusetzen benötigt ein an der Wirkung gemessen relativ geringes „Startkapital“, gering auch gemessen an dem „Startkapital“ unserer klassischen Hochkulturtempel. Ein Botschafter, ja eine Schaltstelle zwischen den verschiedenen Welten kann die Kresslesmühle in Augsburg sein, mit ihrer „Interkulturellen Akademie“ treibt sie diesen Prozeß eindrucksvoll voran.
Ich gratuliere der Kresslesmühle, ich gratuliere Augsburg, dass Sie sich gegenseitig haben.


infomuehle@web.de