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Oberbürgermeister Dr. Paul Wengert

Verleihung des Kulturpreises der Kulturpolitischen Gesellschaft an die Kresslesmühle im Rahmen des Künstleraschermittwochs
21. Februar 2007

Sehr geehrte Damen und Herren,

für den Frieden spielen Grenzen seit jeher eine ganz besondere Rolle. Dies gilt für Nachbarn, Gesellschaften, Staaten und Religionen. Um Grenzen zu markieren, hat der Mensch vielerlei erfunden: Schlagbäume, Zäune, Mauern, Minenfelder und Vorschriften. Ob chinesische Mauer, Limes, Ghettos oder Eiserner Vorhang – sie alle sollten Menschen und Ideen voneinander trennen. Sie alle haben jedoch den Veränderungen der Geschichte und des Menschen nicht standgehalten.
Zu allen Zeiten gab es aber auch die Grenzgänger. Menschen, die mit Worten und Taten Mauern geschleift und Grenzen überwunden haben, Menschen, die dafür gesorgt haben, dass der „Grenzverkehr“ zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion und Lebensform lebendig bleibt, dass Begegnung und gegenseitige Bereicherung möglich wird. Besonders aktiv im geistigen „Grenzverkehr“ - auch in unserer Stadt - waren von jeher Künstlerinnen und Künstler aus vielen Nationen, für die unser alljährlicher Empfang im Rathaus Gelegenheit zur Begegnung und zum Gedankenaustausch sein soll. Zu dieser abendlichen Begegnung heiße ich Sie sehr herzlich im Rathaus willkommen!

Meine ersten Grüße gelten unseren Gästen, ganz besonders Frau Dr. Dorothea Kolland, der Leiterin des Amtes für Kultur und Bibliotheken in Berlin-Neukölln und Vorstandsmitglied der Kulturpolitischen Gesellschaft, die in ihrer Laudatio den Stellenwert der interkulturellen Arbeit für unsere Gesellschaft würdigen wird.< Ich begrüße weiter Herrn Dr. Dieter Rossmeissl, aus dessen zahlreichen Funktionen im Bereich Kultur ich zwei herausgreifen möchte: Er ist Referent für Kultur, Jugend und Freizeit der Stadt Erlangen und Vorstandsmitglied der Kulturpolitischen Gesellschaft. In dieser Eigenschaft wird er heute Abend die Verleihung des Kulturpreises der Kulturpolitischen Gesellschaft vornehmen.
Mein ganz besonderer Willkommensgruß gilt heute Abend Hans Joachim Ruile, der den Kulturpreis der Kulturpolitischen Gesellschaft für das beispielhafte interkulturelle Engagement der Kresslesmühle entgegennehmen wird. Dazu darf ich Ihnen, lieber•Herr Ruile, im Namen der Stadt Augsburg meinen herzlichen Glückwunsch aussprechen und daran gleich meine Bitte an ihn anknüpfen, weiterhin mit Ihren Ideen und Ihrer Dialogbereitschaft die Kultur- und Sozialpolitik in unserer Stadt zu inspirieren und in der bewährten kritischen Partnerschaft mit Ihren vielfältigen Anregungen zu bereichern und – wo nötig – auch zu provozieren.

Ich freue mich, auch in diesem Jahr wieder den Initiator des Internationalen Künstlerempfangs, Gino Chiellino begrüßen zu können und heiße alle anwesenden Künstlerinnen und Künstler willkommen, vor allem diejenigen, die den heutigen Empfang mit ihrem abwechslungreichen und anspruchsvollen Programm umrahmen und damit den Reichtum der Kulturen in Augsburg sichtbar und – vor allem - hörbar machen.
Das kulturelle Rahmenprogramm des heutigen Abends kann nur einen Teil des äußerst vielfältigen Kulturschaffens in unserer Stadt darstellen und erhebt keinen Anspruch auf einen vollständigen, repräsentativen Querschnitt des künstlerischen Wirkens in unserer Stadt.
Sehr geehrte Damen und Herren, der Internationale Künstlerempfang unter dem Motto: „Die Reise hält an“ findet in diesem Jahr bereits zum elften Mal statt.
Für Hansi Ruile und die Kresslesmühle hat die Reise bereits vor drei Jahrzehnten begonnen. Im Februar 1977 wurde das Kulturhaus als innerstädtisches Bürgerhaus in der Augsburger Altstadt in einer 500 Jahre alten Mühle eröffnet und zählt damit zu den ersten soziokulturellen Zentren in Bayern. Der damalige Trägerverein, die 1972 gegründete Bürgeraktion Lechviertel, hat mit diesem Stadtteilzentrum, das übrigens als erstes Gebäude im Rahmen einer sozial verträglichen Sanierungspolitik renoviert wurde, die ersten Impulse und einen wesentlichen Beitrag zur Rettung und Sanierung der historischen Augsburger Altstadt geleistet. Seit rund einem Jahrzehnt wird das Kulturhaus Kresslesmühle nun von einer gemeinnützigen GmbH verantwortet.

Das Schlüsselwort für Hansi Ruiles Arbeit war und ist „Begegnung“: Begegnung mit anderen Kulturen und neuen Lebensformen, Begegnung von alteingesessenen Augsburgern mit Neubürgern, Begegnung von Menschen allen Alters und unterschiedlicher sozialer Herkunft. Von Anfang an war „die Mühle“ ein solcher Ort der Begegnung, ein Kommunikationszentrum mit einer breiten Angebotspalette von sozialen, künstlerischen, kulturellen, kommunikativen und politischen Aktivitäten. Durch die Beschäftigung mit dem, was man in den 70er Jahren als•„Gastarbeiterfrage“ bezeichnete und den damit verbundenen ersten „Integrationsmaßnahmen“ ergab sich die Zusammenarbeit mit Künstlern mit Migrationshintergrund. So entstanden damals erste interkulturelle Kulturprojekte im pädagogischen Bereich und die intensive Auseinandersetzung mit interkultureller Bildung.
Seitdem zählt die Kresslesmühle nicht nur auf kommunaler Ebene zu den wichtigen Impulsgebern in der Frage der Wahrnehmung und des Umgangs mit den Wirklichkeiten der pluralen Stadtgesellschaft auf der sozialen und kulturellen Ebene. Sie hat vor allem Modellcharakter für die Organisation von kultureller Heterogenität in unserer Gesellschaft.
Lassen Sie mich dafür beispielhaft die fruchtbare Kooperation mit unserem Ausländerbeirat und dem Integrationsbeauftragten, aber auch Kulturprojekte, wie die interkulturelle Theaterproduktion „Gilgamesch“ in Zusammenarbeit mit dem Meta Theater in München und Ellen Stewart vom La Mama Theatre New York, die Mitgründung des Netzwerkes „FILL – Forum Interkulturelles Leben und Lernen“, den Betrieb der eigenen interkulturellen Kindertagesstätte Kolibri, den alljährlichen „Internationalen Künstlerempfang am Aschermittwoch“ sowie die interkulturelle Veranstaltungsreihe „Festival der 1000 Töne“ erwähnen.
Ein ganz besonders markantes Programmprofil der Kresslesmühle war 20 Jahre lang das internationale Theaterfestival La Piazza, das als Sommerkulturereignis die Augsburger Innenstadt in eine offene, weltstädtische Theaterkulisse mit Flair verwandelt hat.
Wer eine so lange Reise unternimmt, wie sie Hansi Ruile bisher mit der Kresslesmühle unternommen hat, muss seinen Kompass immer wieder neu justieren, um auf dem richtigen Kurs zu bleiben. Dies ist mit der Gründung der „Interkulturellen Akademie Augsburg“ im Jahr 2005 geschehen. Mit der inhaltlichen Fokussierung auf die interkulturelle Kultur- und Bildungsarbeit ist die Kresslesmühle seitdem zu ihrem „Kerngeschäft“ zurückgekehrt – so wie es der algerisch-französische Schriftsteller Albert Camus vor einem halben Jahrhundert einmal schrieb: „Eine lange Reise führt uns zu uns zurück“.
Mit einer Vielzahl von Tagungen, Fortbildungen und Symposien der Interkulturellen Akademie, wie z.B. „Einbürgerung des Islam in die europäische Zivilgesellschaft“ im Rahmen des Festjahres „450 Jahre Augsburger Religionsfriede“, sowie vielfältigen interkulturellen Kulturveranstaltungen auf internationalem Niveau, hat das Kulturhaus Kresslesmühle in den letzten beiden Jahren seinen Beitrag geleistet, Wege für das Miteinander in unserer Stadtgesellschaft aufzuzeigen.
Nach 30 Jahren ist die Kresslesmühle ein kulturelles und soziales Zentrum, das im Bereich der Kleinkunst und des Kabaretts mit zwei nationalen Festivals zu den Topadressen in Deutschland zählt. Gleichzeitig ist die Mühle ein wichtiger Ort für Bürgerengagement, Kommunikation, künstlerische Experimente und eine offen Bühne für den Nachwuchs geblieben.
Im Mittelpunkt stand bei allem inhaltlichen Wandel immer die Überzeugung, dass eine moderne Kulturpolitik an den Schnittstellen zwischen Bildung, Kultur und Sozialem eine gesellschaftspolitische, demokratische Verantwortung in ihrem konkreten Handeln hat.
In der Wahrnehmung dieser Verantwortung haben wir als Stadt die Kresslesmühle von Anfang an finanziell und ideell unterstützt und wollen daran auch in Zukunft festhalten. Wir wollen damit unseren Beitrag leisten, damit sie auch in Zukunft ihre Anregungen in die Stadtgesellschaft hineintragen und ihre Integrations-„Reise“ fortsetzen kann.

Sehr geehrte Damen und Herren,
das etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache erklärt uns, dass das Wort „Reise“ vom mittelhochdeutschen „reis“ kommt, das soviel wie „Aufbruch und Neubeginn“ bedeutet. Jede Reise beinhaltet eine Abfahrt, einen Aufbruch weg vom Alten, vom Gewohnten - sei dieser nun ganz konkret oder im gesellschaftlichen oder im geistigen Sinne.

Ich wünsche der Kresslesmühle und unserer Stadt, dass es uns gemeinsam gelingen möge, dass die Bürgerinnen und Bürger in unserer Stadt die kulturelle Vielfalt nicht nur zu akzeptieren, sondern aktiv zu gestalten lernen mit der Neugier und der Dynamik, die sich im Motto dieses Empfangs ausdrückt: „Die Reise hält an.“

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