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Verleihung des Kulturpreises der Kulturpolitischen Gesellschaft an die
Kresslesmühle im Rahmen des Künstleraschermittwochs
21. Februar 2007
Sehr geehrte Damen und Herren,
für den Frieden spielen Grenzen seit jeher eine ganz besondere Rolle. Dies gilt für
Nachbarn, Gesellschaften, Staaten und Religionen. Um Grenzen zu markieren, hat
der Mensch vielerlei erfunden: Schlagbäume, Zäune, Mauern, Minenfelder und Vorschriften.
Ob chinesische Mauer, Limes, Ghettos oder Eiserner Vorhang sie alle
sollten Menschen und Ideen voneinander trennen. Sie alle haben jedoch den
Veränderungen der Geschichte und des Menschen nicht standgehalten.
Zu allen Zeiten gab es aber auch die Grenzgänger. Menschen, die mit Worten und
Taten Mauern geschleift und Grenzen überwunden haben, Menschen, die dafür
gesorgt haben, dass der Grenzverkehr zwischen Menschen unterschiedlicher
Herkunft, Religion und Lebensform lebendig bleibt, dass Begegnung und
gegenseitige Bereicherung möglich wird. Besonders aktiv im geistigen
Grenzverkehr - auch in unserer Stadt - waren von jeher Künstlerinnen und Künstler
aus vielen Nationen, für die unser alljährlicher Empfang im Rathaus Gelegenheit zur
Begegnung und zum Gedankenaustausch sein soll. Zu dieser abendlichen
Begegnung heiße ich Sie sehr herzlich im Rathaus willkommen!
Meine ersten Grüße gelten unseren Gästen, ganz besonders Frau Dr. Dorothea
Kolland, der Leiterin des Amtes für Kultur und Bibliotheken in Berlin-Neukölln und
Vorstandsmitglied der Kulturpolitischen Gesellschaft, die in ihrer Laudatio den
Stellenwert der interkulturellen Arbeit für unsere Gesellschaft würdigen wird.<
Ich begrüße weiter Herrn Dr. Dieter Rossmeissl, aus dessen zahlreichen Funktionen
im Bereich Kultur ich zwei herausgreifen möchte: Er ist Referent für Kultur, Jugend
und Freizeit der Stadt Erlangen und Vorstandsmitglied der Kulturpolitischen
Gesellschaft. In dieser Eigenschaft wird er heute Abend die Verleihung des
Kulturpreises der Kulturpolitischen Gesellschaft vornehmen.
Mein ganz besonderer Willkommensgruß gilt heute Abend Hans Joachim Ruile, der
den Kulturpreis der Kulturpolitischen Gesellschaft für das beispielhafte interkulturelle
Engagement der Kresslesmühle entgegennehmen wird. Dazu darf ich Ihnen, lieberHerr Ruile,
im Namen der Stadt Augsburg meinen herzlichen Glückwunsch
aussprechen und daran gleich meine Bitte an ihn anknüpfen, weiterhin mit Ihren
Ideen und Ihrer Dialogbereitschaft die Kultur- und Sozialpolitik in unserer Stadt zu
inspirieren und in der bewährten kritischen Partnerschaft mit Ihren vielfältigen
Anregungen zu bereichern und wo nötig auch zu provozieren.
Ich freue mich, auch in diesem Jahr wieder den Initiator des Internationalen
Künstlerempfangs, Gino Chiellino begrüßen zu können und heiße alle anwesenden
Künstlerinnen und Künstler willkommen, vor allem diejenigen, die den heutigen
Empfang mit ihrem abwechslungreichen und anspruchsvollen Programm umrahmen
und damit den Reichtum der Kulturen in Augsburg sichtbar und vor allem - hörbar
machen.
Das kulturelle Rahmenprogramm des heutigen
Abends kann nur einen Teil des äußerst vielfältigen Kulturschaffens in unserer Stadt
darstellen und erhebt keinen Anspruch auf einen vollständigen, repräsentativen
Querschnitt des künstlerischen Wirkens in unserer Stadt.
Sehr geehrte Damen und Herren,
der Internationale Künstlerempfang unter dem Motto: Die Reise hält an findet in
diesem Jahr bereits zum elften Mal statt.
Für Hansi Ruile und die Kresslesmühle hat die Reise bereits vor drei Jahrzehnten
begonnen. Im Februar 1977 wurde das Kulturhaus als innerstädtisches Bürgerhaus
in der Augsburger Altstadt in einer 500 Jahre alten Mühle eröffnet und zählt damit zu
den ersten soziokulturellen Zentren in Bayern. Der damalige Trägerverein, die 1972
gegründete Bürgeraktion Lechviertel, hat mit diesem Stadtteilzentrum, das übrigens
als erstes Gebäude im Rahmen einer sozial verträglichen Sanierungspolitik renoviert
wurde, die ersten Impulse und einen wesentlichen Beitrag zur Rettung und
Sanierung der historischen Augsburger Altstadt geleistet. Seit rund einem Jahrzehnt
wird das Kulturhaus Kresslesmühle nun von einer gemeinnützigen GmbH
verantwortet.
Das Schlüsselwort für Hansi Ruiles Arbeit war und ist Begegnung: Begegnung mit
anderen Kulturen und neuen Lebensformen, Begegnung von alteingesessenen
Augsburgern mit Neubürgern, Begegnung von Menschen allen Alters und
unterschiedlicher sozialer Herkunft. Von Anfang an war die Mühle ein solcher Ort
der Begegnung, ein Kommunikationszentrum mit einer breiten Angebotspalette von
sozialen, künstlerischen, kulturellen, kommunikativen und politischen Aktivitäten.
Durch die Beschäftigung mit dem, was man in den 70er Jahren alsGastarbeiterfrage bezeichnete und den damit verbundenen ersten
Integrationsmaßnahmen ergab sich die Zusammenarbeit mit Künstlern mit
Migrationshintergrund. So entstanden damals erste interkulturelle Kulturprojekte im
pädagogischen Bereich und die intensive Auseinandersetzung mit interkultureller
Bildung.
Seitdem zählt die Kresslesmühle nicht nur auf kommunaler Ebene zu den wichtigen
Impulsgebern in der Frage der Wahrnehmung und des Umgangs mit den
Wirklichkeiten der pluralen Stadtgesellschaft auf der sozialen und kulturellen Ebene.
Sie hat vor allem Modellcharakter für die Organisation von kultureller Heterogenität in
unserer Gesellschaft.
Lassen Sie mich dafür beispielhaft die fruchtbare Kooperation mit unserem
Ausländerbeirat und dem Integrationsbeauftragten, aber auch Kulturprojekte, wie die
interkulturelle Theaterproduktion Gilgamesch in Zusammenarbeit mit dem Meta
Theater in München und Ellen Stewart vom La Mama Theatre New York, die
Mitgründung des Netzwerkes FILL Forum Interkulturelles Leben und Lernen, den
Betrieb der eigenen interkulturellen Kindertagesstätte Kolibri, den alljährlichen
Internationalen Künstlerempfang am Aschermittwoch sowie die interkulturelle
Veranstaltungsreihe Festival der 1000 Töne erwähnen.
Ein ganz besonders markantes Programmprofil der Kresslesmühle war 20 Jahre lang
das internationale Theaterfestival La Piazza, das als Sommerkulturereignis die
Augsburger Innenstadt in eine offene, weltstädtische Theaterkulisse mit Flair
verwandelt hat.
Wer eine so lange Reise unternimmt, wie sie Hansi Ruile bisher mit der
Kresslesmühle unternommen hat, muss seinen Kompass immer wieder neu
justieren, um auf dem richtigen Kurs zu bleiben. Dies ist mit der Gründung der
Interkulturellen Akademie Augsburg im Jahr 2005 geschehen. Mit der inhaltlichen
Fokussierung auf die interkulturelle Kultur- und Bildungsarbeit ist die Kresslesmühle
seitdem zu ihrem Kerngeschäft zurückgekehrt so wie es der algerisch-französische
Schriftsteller Albert Camus vor einem halben Jahrhundert einmal
schrieb: Eine lange Reise führt uns zu uns zurück.
Mit einer Vielzahl von Tagungen, Fortbildungen und Symposien der Interkulturellen
Akademie, wie z.B. Einbürgerung des Islam in die europäische Zivilgesellschaft im
Rahmen des Festjahres 450 Jahre Augsburger Religionsfriede, sowie vielfältigen
interkulturellen Kulturveranstaltungen auf internationalem Niveau, hat das Kulturhaus
Kresslesmühle in den letzten beiden Jahren seinen Beitrag geleistet, Wege für das
Miteinander in unserer Stadtgesellschaft aufzuzeigen.
Nach 30 Jahren ist die Kresslesmühle ein kulturelles und soziales Zentrum, das im
Bereich der Kleinkunst und des Kabaretts mit zwei nationalen Festivals zu den
Topadressen in Deutschland zählt. Gleichzeitig ist die Mühle ein wichtiger Ort für
Bürgerengagement, Kommunikation, künstlerische Experimente und eine offen
Bühne für den Nachwuchs geblieben.
Im Mittelpunkt stand bei allem inhaltlichen Wandel immer die Überzeugung, dass
eine moderne Kulturpolitik an den Schnittstellen zwischen Bildung, Kultur und
Sozialem eine gesellschaftspolitische, demokratische Verantwortung in ihrem
konkreten Handeln hat.
In der Wahrnehmung dieser Verantwortung haben wir als Stadt die Kresslesmühle
von Anfang an finanziell und ideell unterstützt und wollen daran auch in Zukunft
festhalten. Wir wollen damit unseren Beitrag leisten, damit sie auch in Zukunft ihre
Anregungen in die Stadtgesellschaft hineintragen und ihre Integrations-Reise
fortsetzen kann.
Sehr geehrte Damen und Herren,
das etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache erklärt uns, dass das Wort
Reise vom mittelhochdeutschen reis kommt, das soviel wie Aufbruch und
Neubeginn bedeutet. Jede Reise beinhaltet eine Abfahrt, einen Aufbruch weg vom
Alten, vom Gewohnten - sei dieser nun ganz konkret oder im gesellschaftlichen oder
im geistigen Sinne.
Ich wünsche der Kresslesmühle und unserer Stadt, dass es uns gemeinsam gelingen
möge, dass die Bürgerinnen und Bürger in unserer Stadt die kulturelle Vielfalt nicht
nur zu akzeptieren, sondern aktiv zu gestalten lernen mit der Neugier und der
Dynamik, die sich im Motto dieses Empfangs ausdrückt: Die Reise hält an.
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